Christliche Akademie Halle

Ausstellung "asylum" - Julia Wegat

Am 17. Mai eröffneten wir die Ausstellung "asylum" in der Villa Rabe. In einer beeindruckenden Bilderreihe setzt sich darin die Künstlerin Julia Wegat mit dem Thema Asyl auseinander. Pastor Winfried Bolay hielt eine bemerkenswerte Laudatio. Susann Stephan bot den musikalischen Rahmen. Die äußerst sehenswerte Ausstellung ist noch bis zum 30. Juni 2017 in der Villa Rabe, Riveufer 5 zu sehen.

Laudatio von Winfried Bolay

Sehr geehrte Frau Wegat, meine sehr geehrten Damen und Herren,

als ich gefragt wurde, ob ich die Laudatio zur Eröffnung der Ausstellung von Frau Wegat übernehmen wollte, habe ich einen Moment gezögert. Ich bin kein Kunstkritiker oder einer, der sich berufsmäßig mit der bildenden Kunst beschäftigt, sondern eher - sagen wir mal - einer, der Kunst in ganz unterschiedlichen Formen mag, interessant findet und daraufhin hinterfragt, was sie sagen möchte, welche Botschaft sie hat in dieser Zeit, in dieser Gesellschaft und in meinem kontextuellen Umfeld. Also die Frage, welche gesellschaftliche Relevanz hat Kunst und was will Kunst.
Kunst, zumal die bildende Kunst, hat ja immer mit Wahrnehmen zu tun. Wahrnehmung wiederum hat etwas mit meinen Sehgewohnheiten zu tun. Beides, meine Wahrnehmung und meine Sehgewohnheit, wird bestimmt von der Primärgruppe, in der ich aufwachse und später von den Menschen, die mich prägen, die mir als Vorbild vorausgehen und bei denen ich lerne, aber auch von Erfahrungen, die mich kränken und verletzen.
So bilden Wahrnehmung und Sehgewohnheit immer meinen persönlichen Ausdruck der Wirklichkeit ab. Natürlicherweise muss dieser Blick auf die Wirklichkeit Fragment bleiben, da das Ganze sich meiner Wahrnehmung entzieht. Jedoch ist es so, dass das Fragment immer auch etwas vom Ganzen spiegelt.
Künstler in allen Epochen der Kunstgeschichte haben mit ihrer Art der Darstellung oft die Gegenwart verlassen und haben Räume eröffnet, die erst viel später von der Gesellschaft betreten wurden.
Die Kunst hat sehr oft die Zukunft vorweggenommen, weil in ihren Werken, in ihrer Art die Wirklichkeit dazustellen, viel mehr sichtbar wurde, als es die Gegenwart, besonders auch heute in einer schnelllebigen Zeit, gestattet. Als Theologe könnte ich durchaus sagen, dass ich manche Künstlerinnen und Künstler für Prophetinnen und Propheten halte, die mit ihren Kunstwerken aufmerksam machen auf das, was in einer Gesellschaft vorgeht und wohin sie sich entwickelt. Dazu gehören Sie meines Erachtens auch.
Gerade an Bruchstellen der Geschichte wird dies oft erkennbar. Denken Sie nur an den Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert oder dann den gesellschaftlichen Wandel, den die völkische Bewegung mit sich brachte.
Gerade heute in einer Zeit der schnellen Wechsel, der Diskontinuität, der Globalisierung, des Abbruchs von Traditionen und der Veränderung der Kommunikation ist Kunst gefragt und gefordert. Dabei hat sie Wächterfunktion.
In diese Zeit hinein malen Sie, Frau Wegat, Ihre Werke.
Gelernt haben Sie bei Gottfried Helnwein und Ben Willikens.
Beide Künstler, obwohl im Ausdruck sehr verschieden, verbinden doch, wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven, die Erlebnisse des Krieges, bei Ben Willikens auch der Flucht. Helnwein zeigt, was sonst eher verborgen wird: das Verletzt-Sein, das Gequält-Werden in oft krasser Weise. Er zeigt das, was verloren zu gehen droht, die „Compassion“, weil solche Bilder der glatten Welt das Funktionieren nimmt. Damit sehe ich auch eine Affinität zur Befreiungstheologie, die nicht die Glorie der Seligkeit proklamiert, sondern nicht aufhört davon zu reden, dass gefoltert und misshandelt wird, dass Gerechtigkeit eingefordert werden muss, was letztlich in Personen wie zum Beispiel Martin Luther King oder auch Mutter Theresa…, Gestalt gewinnt.
Ben Willikens malt Bilder, die eher clean sind. Das Abendmahl ohne Menschen, Räume leer, fast steril. Seine Bilder fordern heraus, stellen die Frage, wo ich darin stehe, was ich darin tue; sie wirken oft in ihrer Kälte bedrohlich, oft erst auf den zweiten Blick. Wenn er die Räume der Hitlerarchitektur zeigt, dann wird es einem fast unheimlich und da reizt er die Grenze aus, fordert heraus.
In Seelsorgekursen, die ich leitete, haben wir oft mit seinen Bildern gearbeitet. Wir haben uns zum Beispiel das Altarbild in St. Hedwig in Stuttgart angeschaut, das er gestaltet hat. Wer bin ich, wo stehe ich, wie bewege ich mich in dem Raum der Gesellschaft? Seine Bilder stellen Fragen.
In dieser Tradition mit ihren ganz eigenen Stilmitteln stehen Sie, Frau Wegat. Eine Frau im Westen, in Dortmund geboren, hineingewachsen in die Wohlstandskultur, aus der Sie ausgebrochen oder soll ich sagen nach Mitteldeutschland ausgewandert sind. Ich habe das auch gemacht und viel gelernt.
Es kommt mir vor als wäre die Sehnsucht nach Heil-Sein, nach einer Welt, in der jeder Mensch, die Tiere und die Natur seinen/ihren Platz hat, der Motor Ihres Schaffens.
Dies allerdings, das haben Sie gesehen, wahrgenommen, erlebt und gelernt, geht nicht, ohne das Unheil zu benennen, dem Schmerz einen Ausdruck zu geben, das Leid, die Not sichtbar zu machen.
In ganz unterschiedlichen Projekten arbeiten Sie so, sei es in „Gesprächen über die Liebe“, dem Totenprojekt, Berge sehen …
Immer geht es ihnen darum, das Vertuschte, Versteckte, Verborgene zu benennen.
Also das, was verloren zu gehen droht zu zeigen und sichtbar zu machen.

Sie machen sich, indem Sie das tun natürlich auch selbst verletzlich. Ich glaube, so zu malen geht nicht ohne Risiko.
Eines ihrer Stilmittel ist das Übermalen. Max Mannheimer, dem Holocaust Überlebenden, der seine Geschichte mit Bildern ausdrückte, hat Ihnen Bilder geschenkt, die sie übermalt haben. Das ist Ihnen schwer gefallen, was ich gut verstehe. Aber das Übermalen zeigt auch, dass Wirklichkeit, auch die Wirklichkeit eines mir widerfahrenen Ereignisses sich wandeln kann. Übermalen schreibt ein Bild weiter, lässt einen neuen Blick zu, der fast Übersehenes in den Mittelpunkt rücken kann.
Nun zu Ihren hier ausgestellten Bildern. Wieder begeben Sie sich in eine Situation, in der Sie das „Fremde“ aufsuchen. Sie teilen Lebenszeit mit Menschen, die in unser Land gekommen sind, weil ihre Heimat ihnen keine Heimat mehr geboten hat. 2008 haben Sie dieses Projekt gemacht, in einer Zeit, in der diese Menschen noch lautloser ankamen. Übergriffe gab es schon, aber noch nicht in diesem Ausmaß wie heute.
Mich haben Ihre Bilder sehr berührt. Hinter jedem Bild steht eine Geschichte, ein Aufschrei, der von Heimatverlust, Lebensgefahr, Enttäuschung, Hoffnung, Verletzung redet….
In manchen Gesichtern ist ein zaghaftes Lächeln zu sehen, großer Ernst, Gesichter zwischen Angst und Hoffnung. In den Augen aber zumeist tiefe Traurigkeit, gepaart mit der Sehnsucht in der Fremde doch Heimat zu finden, also ein Leben führen zu können, das wieder eine Perspektive bekommt.
Sie haben die Porträts auf Deko-Stoff gemalt. Deko-Stoffe sind weich, sind farbig, sind anschmiegsam, als wollten Sie die Porträtierten schützen. Sie haben die Porträts nicht für sich beansprucht. Die Porträtierten konnten darauf schreiben, schreiben, was ihnen wichtig war und in der Sprache, in der sie sich auszudrücken gelernt haben. Es ist ein wunderbares Zeichen des Teilens und Anteil-Gebens. Ihre Geschichte bleibt uns als Betrachter zumeist fremd, weil wir ihre Sprache nicht lesen können. Nur die Art und Weise, wie die einzelnen ihr Porträt beschriftet haben, lässt erkennen, was ihnen wichtig war. Manche schreiben so, dass ihr Gesicht gut zu erkennen ist, weil in ihrem Gesicht ihre Geschichte ablesbar ist, andere übermalen beinahe ihr Porträt als wollten sie sagen, bitte lies, bitte versteh mich, ich muss dir das unbedingt sagen.
Ihre Bilder sind eine Art der Integration von Menschen, die in unser Land kommen. Ihnen zu begegnen, etwas von ihnen zu erfahren, macht aus Fremden Mitbürger. Angesehen werden, porträtiert werden, heißt Ansehen gewinnen und das in einem Land, wo so viele wegsehen. Es ist eine Aktion, die Zeichen setzt, ein Projekt, das Stellung bezieht, ein Projekt, das unbedingt gebraucht wird.
Aber natürlich machen Sie sich damit auch selbst verletzlich, angreifbar, weil unsere Gesellschaft ist wie sie ist. Ich finde es mutig, dass Sie es trotzdem tun. Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie sich in der Art, der Wirklichkeit Gestalt zu geben, nicht beirren lassen.
Ihre Bilder werden gebraucht, gerade jetzt, gerade heute.
So wünsche ich dieser Ausstellung nicht nur viel Aufmerksamkeit, sondern auch die verändernde Kraft, die durch genaues Hinschauen, Wahrnehmen und Handeln sich auszeichnet.
Vielen Dank!

Winfried Bolay
Halle, den 16.05.2017